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Covid-19-Pandemie: Aus der HIV-Prävention lernen statt top-down zu kommunizieren

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Prof. Dr. Rolf Rosenbrock war von 1988 bis 2012 Leiter der Forschungsgruppe Gesundheitsrisiken und Präventionspolitik/Public Health im Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin (WZB) und gehörte von 1987 bis 1990 der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Gefahren von AIDS und wirksame Wege für ihre Eindämmung“ an. Er wirkte viele Jahre im Nationalen Aids-Beirat mit, war von 2003 bis 2012 Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und ist seit 2012 Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband. Derzeit arbeitet Rosenbrock auch im Kompetenznetz Public Health COVID-19 mit. Im Interview mit magazin.hiv kritisiert die Corona-Kommunikation der Regierung und verweist auf das Beispiel der erfolgreichen HIV-Prävention.

Herr Rosenbrock, im März 2021 leben wir seit über einem Jahr mit der Corona-Pandemie. Gibt es aus Sicht des Public-Health-Experten Versäumnisse in der Kommunikation der offiziellen Stellen?

Mich ärgert und regt auf, dass es in all den Monaten keine gescheite Risikokommunikation gab – so wie sie ab Mitte der 1980er-Jahre in der Aids-Epidemie unter Leitung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf hervorragende Weise organisiert wurde. Die HIV/-Aidsprävention stand ja unter der Leitfrage: Wie organisieren wir möglichst schnell und bevölkerungsweit einen Lernprozess, mit dem sich die Institutionen und die Bevölkerung – ohne Diskriminierung und maximal präventiv – auf ein Leben mit dem bis auf Weiteres nicht ausrottbaren Virus einstellen können? Dem gegenüber stand der Ansatz: Wie ermitteln wir schnellstmöglich möglichst viele Infektionsquellen und legen diese still?

Also auf der einen Seite der Ansatz, über Infektionswege und Schutz aufzuklären, auf der anderen Seite der Ansatz, bereits infizierte Menschen zu identifizieren und zum Schutz der „anderen“ gewissermaßen aus dem Verkehr zu ziehen?

Dies waren kontroverse Fragen, weil wir keine administrative Anwendung des Seuchengesetzes – das Pendant zum heutigen Infektionsschutzgesetz – wollten. Wir waren der Ansicht, dass dies mehr Schaden als Nutzen bringen würde, und setzten deshalb auf die gesellschaftliche Lernstrategie.

Aber lässt sich die Corona-Pandemie in dieser Hinsicht mit der HIV-Epidemie vergleichen?

Bei Corona ist die Ausganglage in der Tat eine etwas andere. Bis zur antiretroviralen Therapie Mitte der 1990er-Jahre bedeutete ein positives HIV-Testergebnis faktisch das Todesurteil, und eine HIV-Diagnose gilt für immer. Eine Heilung war und ist noch nicht in Sicht. Anders bei Corona: Wenn es zu keinem schwereren Verlauf kommt, sind die Menschen nach 14 Tagen in der Regel nicht mehr infektiös. Und die gesundheitspolizeilichen Maßnahmen betreffen die gesamte Bevölkerung, ohne Diskriminierung und nur auf begrenzte Zeit.

Um die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen, leben wir nun mit weitreichenden Kontaktbeschränkungen und Hygieneauflagen, zugleich werden massenhaft Tests durchgeführt, um Corona-Infizierte ausfindig zu machen. Welche Versäumnisse werfen Sie den zuständigen Behörden konkret vor?

Das Bundesgesundheitsministerium und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mögen ja Plakate zu den AHA+L+A-Regeln produzieren, im Netz über Corona informieren oder mit den umstrittenen, weil schwarz-humorigen Videospots „Besondere Helden“ aufklären. Als Teil einer breit gedachten und angelegten Kampagne hätte ich das auch wunderbar gefunden, aber so blieben diese Bestandteile Solitäre in der Landschaft – und dann taugt das leider nur sehr wenig.

Eine Präventionskampagne zu konzipieren bedeutet eben mehr, als mal eben eine Werbeagentur zu beauftragen. Es geht um Aufklärung im empathischen wie emphatischen Sinne: klarzumachen, warum bei Corona – wie bei jeder anderen Infektionsepidemie – Gesundheitspolitik automatisch experimentelle Gesundheitspolitik ist, nämlich eben weil es, wie übrigens auch damals bei HIV, zunächst viele Unsicherheiten gibt. Die Forschungslage verändert sich und das muss man transparent mitkommunizieren. Der Staat weiß nicht alles.

In welcher Weise hat der Staat seinerzeit besser auf HIV und Aids reagiert?

Die von der BZgA entwickelte Aids-Kampagne funktionierte auf drei Ebenen. Da war zunächst die Dachkampagne, die sehr klare und lebbare Botschaften vermittelte: Solidarität mit den Gefährdeten und Betroffenen sowie Safer Sex und Safer Use.

Ist das bei Corona nicht viel schwieriger? Man kann sich überall anstecken, die gesamte Bevölkerung ist davon betroffen und sehr viele Infektionen bleiben aufgrund der milden Verläufe unbemerkt.

Deshalb wäre es für mich umso wichtiger und wichtiger als bei HIV und Aids, die Solidarität in den Mittelpunkt zu stellen: Selbstschutz vor Corona ist Fremdschutz derer, die bei einer Erkrankung mit schweren Folgeschäden oder gar mit dem Tod rechnen müssen. Das wäre eigentlich der Leitgedanke gewesen, unter dem eine solche BZgA-Kampagne zu Corona hätte stehen müssen.

Wie sah die zweite Ebene der Aids-Kampagne aus?

Die zweite Ebene war auf die Lebenswelt-Prävention ausgerichtet. Hier wurden die Dachbotschaften in den spezifischen Gruppen partizipativ angepasst und ungesetzt. Dies waren damals insbesondere die lokalen Szenen der Schwulen und der intravenös Drogengebrauchenden, meist unter der Regie der örtlichen Aidshilfen. Diese Form der Partizipation reichte bis in die Entscheidungsebene. Ein solcher Dialog auf Augenhöhe wie auch die Transparenz waren in den 1980er-Jahren noch keine Selbstverständlichkeit.

Aber inwieweit könnten bei Corona spezielle Lebenswelten in den Blick genommen werden? Gehören nicht mehr oder wenige alle Menschen zur Hauptbetroffenengruppe?

Was wir aus der heutigen Perspektive gar nicht mehr wahrnehmen: Auch zu Beginn der Aidskrise war lange unklar, ob nicht doch alle betroffen sind. Die Entwicklung in Afrika schien das ja auch zu zeigen. Die Kampagne richtete sich deshalb facettenreich an die ganze Bevölkerung. Aber Sie haben natürlich recht: Hauptbetroffenengruppen wie bei HIV und Aids gibt es bei Corona nicht, allerdings besonders gefährdete Gruppen: Alte, Erkrankte und – was immer vergessen wird – Arme.

Können Sie das erläutern?

Wie alle Infektionskrankheiten in der Geschichte geht auch Corona die soziale Stufenleiter hinunter. Menschen in Armut haben ein viel höheres Risiko: Sie infizieren sich leichter, weil sie häufiger unter Bedingungen arbeiten, wohnen und mobil sind, die weniger gut geschützt sind. Wenn ein solcher Mensch sich infiziert, hat er ein höheres Risiko, auch zu erkranken und zu sterben, weil Menschen in diesen unteren Schichten auch mehr unter Vorerkrankungen leiden und weil Armut ein Dauerstressfaktor ist, der auch das Immunsystem schwächt. Auch unter dem Lockdown leiden ärmere Menschen erheblich, und wir haben hier noch nicht über starke Beengtheit, Bildung oder die finanziell-wirtschaftlichen Folgen von Corona wie Insolvenzen und auslaufendes Kurzarbeitergeld gesprochen.

Zu diesen Risikogruppen – Alte, Erkrankte, Arme – gehören in Deutschland rund 20 Millionen Menschen. Ist es nicht schwierig, hier so spezifisch heranzugehen wie an die vergleichsweisen kleinen Gruppen von Schwulen oder Drogengebrauchenden?

Das ist richtig. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass die zuständigen Behörden gemeinsam mit den Menschen Ideen entwickelt hätten, wie man beispielsweise die Präventionsbotschaften zur Handhygiene so vermittelt, dass sie auch zu Hause umgesetzt werden. Viele erinnern sich an den legendären TV-Spot „Tina, was kosten die Kondome?“ mit Hella von Sinnen. Warum gab es nicht vergleichbare Spots zum Händewaschen oder „Abstandhalten“?

… oder dazu, dass ein Mund-Nasen-Schutz auch über die Nase gezogen werden muss …

Ja, es gibt so viele Möglichkeiten, beispielsweise mit Witz darauf hinzuweisen. Die HIV-Kampagne war ja auch hochkreativ, nicht zuletzt aufgrund der Beteiligung vieler schwuler Männer. Dies sind Ressourcen, die man jederzeit wieder mobilisiert könnte, was dann auch zu einem Dialog zwischen Staat und Bürgern führen würde: Wir haben gemeinsam ein Problem und das Wichtigste, um es zu lösen, sind Solidarität und Information.

Letztlich kann man sich alle Komponenten der Botschaften multimedial umgesetzt vorstellen. Die Stärke der Dachbotschaften der Aidskampagne war ja, dass man mit ihnen überall konfrontiert war. Es gab sie im Fernsehen, im Kino, auf den Plakaten an der Bushaltestelle, in Zeitschriften und im Hörfunk und es wurden sogar Wanderausstellungen konzipiert. Alles nur, um die Präventionsbotschaften auf den unterschiedlichsten Wegen an die Menschen zu bringen. Natürlich ist das Internet heute wichtiger als vor 30 Jahren, aber es reicht meiner Ansicht nach nicht, sich allein mit Hinweisen auf YouTube oder Facebook zu begnügen. Es gibt immer noch viele Menschen, die diese digitalen Medien kaum oder gar nicht nutzen. Vor allem ist es wichtig, dass man diesen Botschaften unentrinnbar ausgesetzt ist. Und dafür müssten wirklich alle Kanäle und Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Ich wüsste allerdings nicht, dass irgendjemand mit geschickt ausgewählten Fokusgruppen mal über die Gestaltung der Corona-Prävention geredet hätte. Das wäre beispielsweise ein guter Anfang gewesen. Bei der HIV-Prävention gab es seinerzeit Konzeptworkshops, in denen tausend Ideen entwickelt und einige davon auch tatsächlich umgesetzt wurden.

Fehlt nun noch die dritte Ebene der Prävention.

Dies ist die persönliche Beratung. Infektionskrankheiten lösen Angst aus, und auch Angst kann krank machen. Es müsste also zumindest eine – tatsächlich jederzeit erreichbare –Telefonhotline geben, wo man sich jederzeit fachlich fundiert informieren kann, beispielsweise über die realistischen Infektionsrisiken, über den Umgang mit solchen Ängsten, über den Zugang zum Test bzw. zur Impfung und welche Fragen es sonst noch gibt.

Diese drei Präventionsebenen waren die Basiskonstruktion der HIV/Aids-Kampagne. Sie wurde international zum Vorbild, hat hervorragend funktioniert und dazu beigetragen, dass wir die Aids-Pandemie in Deutschland so gut gemeistert haben.

Allerdings lag zwischen dem ersten gemeldeten Aidsfall in Deutschland 1982 und dem Start der breit angelegten nationalen BZgA-Informations- und Aufklärungskampagne „Gib AIDS keine Chance“ ganze fünf Jahre. Die Corona-Pandemie hat die Welt mit weitaus größerer Dynamik überrollt.

Dennoch ist eine solche Herangehensweise bei Corona versäumt worden. Man kann das auch verstehen. Infektionspandemien haben stets mehrere Stufen der Wahrnehmung, auch was die staatlichen Reaktionen angeht. Anfangs dachte man noch: Das ist weit weg, das ist nur eine Art Grippe. Während die Sterblichkeitsrate bei Aids lange tatsächlich bei fast 100 Prozent lag, dürfte das bei Corona ein Wert im unteren einstelligen Prozentbereich sein. Das klingt harmlos. Dafür aber ist die Infektionsrate weitaus höher und bedeutet ein exponenzielles Wachstum, wenn man nicht einschreitet.

Der Staat hat im März 2020 ganz verständlich im Panikmodus reagiert. Und man tat, was ein Staat in einer solche Situation tun kann: verbieten, gebieten, drohen, sanktionieren und belohnen. Das war eine regulative Verhältnisprävention. Lockdown heißt: Ich erlasse staatliche, notfalls polizeilich durchsetzbare Vorschriften, die die Bedingungen so verändern, dass sich das Verhalten ändern muss. Der Staat hat aber bislang nicht aus diesem Modus der Top-Down-Kommunikation, einer ganz patriarchalischen Strafandrohungskommunikation, herausgefunden.

Kann man denn das Ruder noch herumreißen, also das Vertrauen in den Staat und die Sinnhaftigkeit der Corona-Maßnahmen, aber auch das Bewusstsein für die Notwendigkeit solidarischen Verhaltens stärken?

Sicher nicht mehr so gut, wie es im März oder April 2020 möglich gewesen wäre. Andererseits: Die Aidskampagne kam auch erst sehr spät. Wir hatten seit 1982 Aidsfälle in Deutschland, die Kampagne startete erst drei Jahre später.

Es ist nicht zu spät, auf diesen anderen Modus umzusteuern. Vermutlich wäre eine vernünftige Impfkampagne ein guter Einstieg gewesen, weil es eine neue Lage gibt.

Also jeden Abend vor der „Tagesschau“ oder „heute“ ein Aufklärungsspot?

Das wäre sicher nicht das Schlechteste. Zu erklären gäbe es vieles. Was bedeutet eigentlich exponenzielles Wachstum? Warum schützt eine FFP2-Maske besser als eine Alltagsmaske aus Stoff? Viele der Regulierungen sind ja für die Menschen nicht mehr nachvollziehbar.

Wie etwa die Vorgaben, wie viele Personen mit welchen Verwandtschaftsverhältnissen zusammen Weihnachten feiern durften.

Viele ärgern sich darüber und kommen zu dem irrigen Schluss, dass das Problem kleiner ist, als vom Staat behauptet, so zumindest meine Beobachtung. Diese Grundspannung gibt es nach wie vor in der Gesellschaft und sie ließe sich, wenn auch nicht vollständig auflösen, so doch zumindest mindern. Und in der Tat könnten da 30 Sekunden zur besten Sendezeit wahrscheinlich schon sehr viel bringen. Die Methodik, dieses Wissen in die Gesellschaft zu tragen, ist in der HIV-Prävention angelegt – und nicht genutzt.

Haben sie eine Erklärung dafür, weshalb das so ist? Die Prävention ist ja nicht mit den 1990er-Jahren verschwunden, sondern wurde bis heute zum Beispiel in den Aidshilfen und ähnlichen Organisationen lebendig gehalten.

Ich habe mich das selbst oft gefragt, und diese Fragestellung gäbe eine höchst interessante politikwissenschaftliche Doktorarbeit: Wie sind in der Corona-Pandemie die Entscheidungen gelaufen? Welche Rolle spielte die Risikokommunikation in den Überlegungen und Planspielen überhaupt? Und die Grundfrage: Wer sitzt da eigentlich im Corona-Krisenstab? Gibt es da jemanden aus dem Fachbereich Public Health oder aus der Gesundheitskommunikation? Ich habe den Vorschlag einer breiten Kommunikationsstrategie schon im März 2020 in einem Memorandum formuliert und dies sowohl dem Krisenstab im BMG als auch der Leitung der BzgA vorgelegt – meine Expertise war nicht gefragt.

Veränderte Medien-Nutzungsgewohnheiten, die immer wieder angeführt werden, sind für mich kein Argument, um die Erfahrungen und Erkenntnisse aus über 30 Jahren HIV- und Aidsprävention beiseitezuschieben. Das Wissen, das wir da gesammelt haben, ist ein Riesenschatz, der heute nicht eingesetzt wird-

Der Schlüssel läge darin, die neue Phase, die durch das Impfen gekennzeichnet ist, für eine massenkommunikative Kampagne zu nutzen, in die man dann auch im Geiste der Aidsprävention – Dialog, Vertrauen, Solidarität, Selbstverantwortung – konkrete Verhaltensvorschläge integrieren könnte. Ich fürchte aber, dass es jetzt dafür schon wieder zu spät ist.

 

Das Interview führte mit Prof. Dr. Rolf Rosenbrock Axel Schock.

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.